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Angedacht – Gedanken zum Monatsspruch

Freundliche Reden sind Honigseim, süß für die Seele und heilsam für die Glieder.

Sprüche 16,24

Vor allem redet miteinander! Wir Menschen brauchen das. „Wir benötigen zehn Kontakte pro Tag, um nicht zu verarmen“, sagt die moderne Wissenschaft. Kein Problem mag der eine oder andere denken, ich habe 500 Follower und mein Handy verlangt, dass ich ständig nachsehe, wer mir was geschrieben hat. Leider zählt das nicht. Kontakte sind etwas ganz anderes. Überall in der Natur gibt man sich Botschaften. Gerade der Frühsommer ist voll von Geräuschen, wenn man einmal den vielen künstlichen Lärm wegschaltet. Lärm sagt nichts, Lärm nervt, Lärm macht krank. Er macht taub, taub für das, was wirklich wichtig ist.

Kontakte bedeutet: Zehn mal am Tag angesprochen werden oder selber jemanden ansprechen. Ein freundliches „Guten Tag“, ein „Bitte“ und „Danke“ beim Einkauf, vielleicht auch die ernst gemeinte Frage: „Wie geht es Ihnen oder Dir?“ Und dann die Geduld eine Antwort zu hören, das ist schon viel. Denn wir haben ja alle keine Zeit.

Wer hört denn noch die Amsel, die auf den Dächern der Stadt viel lauter singt als draußen auf dem Land, um gehört zu werden, um sich verständigen zu können?

Es lohnt sich hinzuhören. Wer das versucht, hört vielleicht auch die anderen Laute: Das Zirpen einer Grille, das Lachen eines Kindes, das leise Stöhnen eines alten Menschen, das Seufzen einer jungen Mutter, das leise Schimpfen eines Mannes oder die Bitte eines arbeitslosen Straßenhändlers, der seine Obdachlosenzeitung anbietet. Die Geräusche um uns sind vielfältig auch in der Stadt und sie alle haben uns etwas zu sagen. Aber wir nehmen nichts wahr außer dem Lärm.

Überall gehen Türen zu, weil wir nicht miteinander reden, weil der Kontakt nur noch über das Handy geht. Da sitzen Menschen nebeneinander und alle haben ihr Handy in der Hand und die Finger laufen eifrig über die Tasten. Botschaften werden versandt, aber sie sind stumm. Kleine Emoticons sollen dabei helfen, dass man besser verstanden wird. Aber wir sind doch Menschen! Wir haben eine Stimme, wir haben Ohren, wir haben Gefühle und brauchen Ansprache!

Vor einigen Jahren war ich rund um Neustadt Dosse im Dienst. Die Dörfer wirkten wie ausgestorben. Überall waren die Hofeinfahrten verschlossen und Bilder von Hunden mahnten jeden, bloß die Grenzen einzuhalten. Über die Dorfstraßen fuhr hin und wieder ein Auto oder auch mal ein großer Traktor. Der Fahrer saß in einer staub- und schalldichten Kabine. Nur so sind die großen Flächen zu bewirtschaften. Ein Bildschirm zeigte ihm den Weg und informierte über wichtige Daten der Felder. Er fuhr rasch vorbei und an einen Gruß war nicht zu denken.

Ich kam mir in dem Dorf einsam vor und dachte daran, wie es früher wohl gewesen sein mag. Bei uns waren die Hoftüren damals alle offen, Hühner, Gänse, Schweine waren auf der Dorfstraße. Natürlich auch die Bevölkerung. Man kannte sich. Als Kinder wurden wir aufgefordert, alle zu grüßen, besonders aber den Lehrer, den Pastor und auch den Arzt.

Überall wurde geredet, gerufen und auch gesungen. Wir Kinder sangen natürlich auch auf der Straße; z.B. Regenlieder „Es regnet, Gott segnet, die Erde wird nass. Mach mich nicht nass, mach mich nicht nass, mach nur die bösen Kinder nass.“ Männer sangen Arbeitslieder, junge Frauen Wiegenlieder, alte Frauen summten Kirchenlieder. Und natürlich wurde geredet, was die Lippen oder die Zunge hergab. Sicherlich nicht immer freundlich, aber es wurde geredet und zehn Kontakte am Tag – das war kein Problem.

Doch heute? Alle Türen waren verschlossen, die Straßen leer. Ich ging in den kleinen Laden, um einzukaufen. Dort saßen Leute und redeten miteinander. Auf dem Rückweg zum Pfarrhaus zogen am Himmel dunkle Wolken auf, und es begann zu regnen. Ich schaute mich um, und nirgends gab es ein schützendes Dach. Doch über einer Einfahrt war ein kleines Dach. Wenn ich mich ganz nah an die verschlossene Tür pressen würde, konnte ich vielleicht dem Schauer entgehen. Ich lief hin, stellte mich an die Tür und spürte, wie mein Rücken doch nass wurde. Da ging die Tür auf und ein freundlicher Mann sagte: „Wir haben Füße gesehen!“ Er bat mich ins Haus und wir saßen dann gemeinsam in der Stube. Draußen prasselte der Regen nieder.

„Sie haben mehr als Füße gesehen“, sagte ich. „Danke, dass Sie mich hereingebeten haben. Sie haben einen Menschen gesehen, der Hilfe brauchte!“

„Wir haben die Türen verschlossen“, erzählten sie. „Früher waren alle Türen offen und wir lebten mehr auf der Straße als im Haus. Aber nach der Wende zogen viele fort, die Höfe wurden rasch aufgegeben, und wir waren auch lange fort.“

Sie erzählten von einem Neuanfang in Freiburg im Breisgau, von Heimweh und der großen Chance, doch zurückkehren zu können. „Aber hier war alles ganz anders, als wir gedacht hatten. Wir sind zurück, aber nicht in der alten Heimat. Wir kennen die Nachbarn kaum, unsere Kinder sind im Süden geblieben. Der Mann hat eine Stellung bei der Universität Freiburg und kann seine Arbeiten auch über das Internet abgeben. Die Kinder senden uns Bilder. Wir haben täglich Kontakt. Aber trotzdem fehlt etwas. Hier war lange kein Besuch mehr.“

Freundliche Reden sind Honigseim! Die Aufforderung ist Jahrtausende alt und gilt immer noch. Es geht nicht nur ums Reden, sondern besonders darum aufzumuntern und freundlich zu sein. „Freundlich?“ Auch ein Fremdwort in unserer Gesellschaft? Leider geht es in die Richtung! Man kennt sich nicht mehr, der andere stört nur und was dann entsteht, das ist Hass. Selbst Hilfskräfte, wie die Polizei, die Feuerwehr, die Rettungssanitäter und auch Ärzte, werden beschimpft und auch tätlich angegriffen. Was ist da denn los? So geht es doch nicht weiter! Nein, so geht es nicht weiter! So nicht!

Was kann man tun? Wir sind Christen und bekennen uns zu Jesus Christus. Er ging über die Erde als unser Bruder. Er half den Menschen. Er sah den Zöllner Zacharias, der sich auf dem Baum versteckt hatte (Luk.19 V.5 ff); er hörte den Blinden, der nach ihm rief und den andere zur Ruhe bringen wollten (Luk. 18. V. 35 ff); er sah die Not des Gelähmten, der am Teich Bethesda vergeblich auf seine Chance wartete, (Joh. 5 V. 1 ff). Er sprach sie an, fragte nach ihren Wünschen, bot ihnen Heilung an und redete freundlich mit ihnen. Er hat sich nicht aufgedrängt, sondern zugehört. Das ist freundliche Rede: ansprechen und vor allem hören?

Kann man das heute, darf man das? Ja, man kann das mit „Bitte und Danke“. Das sind zwei Worte, die aus unserem Wortschatz fast verschwunden sind. Aber das sind Schlüsselworte für das freundliche Reden! Möchten Sie an der Kasse vorgehen, im Stau noch eben einscheren? Eine höfliche Frage. Ein „Danke“ tut dann richtig gut.

Vor Jahren bekam ich eine neue Hüfte und war auf Hilfe angewiesen. Einmal stand ich im Regionalzug nach Karlsruhe und konnte im Bahnhof den Bahnsteig nicht erreichen. Der Abstand zwischen Zug und Bahnsteig war zu groß. Da ergriffen mich zwei starke junge Männer und stellten mich auf den Bahnsteig. Mein „Danke“ kam aus tiefstem Herzen. „Allah gebietet uns, den Kranken zu helfen“, sagten die Beiden und gingen weiter. Von dort hatte ich keine Hilfe erwartet, aber sie bewirkt, dass Grenzen eingestürzt sind.

Süß für die Seele, schreiben die Sprüche. Süß ist die erste Geschmacksrichtung, die ein Kind empfindet. Alles schmeckt süß, alles ist neu und abenteuerlich, die Welt muss schön sein. Das wird mit „Süß“ ein leben lang verbunden. Deshalb essen wir Süßigkeiten und deshalb enthält unsere Nahrung viel zu viel Zucker, denn die Nahrungsmittelindustrie weiß das und erhöht so ihren Gewinn. Und wir? Wir werden zu dick, aber nicht in der Seele satt.

Honigseim ist der Nektar in den Blüten. Damit daraus Honig wird, ist ein Geben und Nehmen von vielen Bienen notwendig. Geben und Nehmen, auch hier! „Bitte und Danke“, meint das nicht Ähnliches.

Wenn die Seele, wenn das Innerste des Menschen angesprochen wird, wenn sie spürt, dass man es gut mit ihr meint, dann heilen auch die Glieder.

Wer sich wohlfühlt, der richtet sich auf. Körper und Geist gehören zusammen und bilden die Seele. Jeder Arzt weiß das. Wen Schuld niederdrückt, dem schmerzen die Schultern, wem etwas auf den Magen schlägt, der leidet, wer unter Druck steht, kann das auch am Blutdruck ablesen.

Jesus wusste das sehr wohl, vergab Schuld verhalf zu einem Neuanfang.

In Kenia gibt ein junger Lehrer 80 % seines Gehaltes seinen Schülern, um ihnen zu helfen. Er nennt sich „Ermöglicher“. Ein wunderbares Wort. Jesus ist ein „Ermöglicher“, der barmherzige Samariter im Gleichnis ist ein „Ermöglicher“. Wir können auch „Ermöglicher“ sein. Freundlich zur Seite fahren, wenn eine Rettungsgasse gebraucht wird, höflich zurücktreten, wenn es jemand eilig hat, dem Bettler etwas geben, dem Zeitungshändler die Obdachlosenzeitung abkaufen, jemandem Hilfe anbieten, der schwer zu tragen hat.

Gottfried Zurbrügg