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Angedacht – Gedanken zum Monatsspruch

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Matthäus 10,7

Es hat immer Menschen gegeben, die sich als Propheten ausgaben und das nahe Himmelreich verkündigten oder es sogar selber errichten wollten. Oft waren dies Auswirkungen aus einer Verfolgungssituation heraus, oder es gab soziale, wirtschaftliche Notlagen, die zu einer Auswanderung zwangen. Diese wurden dann manchmal noch religiös verpackt, um noch mehr Menschen auf den Weg zu bringen.

Jesu Aufforderung in unserem Text ist da ganz anders. Wo er ist, da ist das Himmelreich bzw. das Reich Gottes. Und heute? Wenn man sich den Zusammenhang einmal genau ansieht, merkt man, es geht bei Jesus nicht darum, weltflüchtig zu werden oder etwas gegen andere durchzusetzen. Reich Gottes wird schon im Alten Testament vor allem mit dem Begriff der Gerechtigkeit in Zusammenhang gebracht. Jesus greift dies auf und erweitert es. Dabei ist Gerechtigkeit nicht nur die Unterwerfung unter Gottes Willen und seine Gebote. Das Wort beschreibt auch nicht eine Eigenschaft, sondern ein Verhalten, das dem andern in dem, was er braucht, gerecht wird. So heißen Gottes Taten für Israel „Gerechtigkeiten“ (Richter 5,11; Micha 6,5). Seine Gerechtigkeit ist durchwegs sein Heilshandeln an seinem Volk (Jesaja 51,5; Psalm 22,32; 40,10; 69,28 usw.), das freilich auch das Gericht über Israels Bedränger einschließt. Gerecht ist es, weil es Gottes Bund entspricht, und er seinem Volk das zukommen lässt, was es auf Grund dieses Bundes erhoffen darf.

Gottes Gerechtigkeit ist also sein Liebeshandeln gegenüber uns Menschen. Er lädt uns und durch uns – wie es der Text deutlich macht – auch andere ein, dies anzunehmen.

Es gilt diese Gerechtigkeit Gottes zu leben – ganz im Alltäglichen. Menschen so zu behandeln, wie wir behandelt werden möchten. Menschen nicht in Schubladen zu stecken und abzuurteilen, sondern Menschen als Geschöpfe Gottes zu begegnen – mit Respekt!

Es liegt also an uns, wie nah das Himmelreich gekommen ist. Aber nicht in dem Sinne, dass wir es selber schaffen – mit Gewalt aufrichten wollen – sondern da, wo wir sind, Gottes Gerechtigkeit ausleben. Das kann auf verschiedene Weise geschehen. Da wo wir authentisch leben, wird uns das gelingen.

Die Aussage von Martin Luther King drückt dies sehr schön aus: „Liebe im besten Sinne ist konkretisierte Gerechtigkeit.“

Werner Wiebe