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Angedacht – Gedanken zum Monatsspruch

Wie es dir möglich ist: Aus dem Vollen schöpfend – gib davon Almosen! Wenn dir wenig möglich ist, fürchte dich nicht, aus dem Wenigen Almosen zu geben!

Tobias 4,8

Der Monatsspruch für Oktober steht in den alttestamentlichen Apokryphen. Das sind verborgene Schriften, biblische Bücher, die nicht zum Kanon der Bibel gezählt werden. In der katholischen Bibel werden sie mit aufgeführt. Martin Luther schrieb dazu: „Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten, und doch nützlich zu lesen sind.“ Da das Buch Tobit (oder auch Tobias) ein eher unbekanntes Buch ist, will ich ein paar Bemerkungen vorweg schicken.

Tobit beschreibt das Schicksal seiner Familie. Sie sind ständig Gefahren und Krankheiten ausgesetzt. Aber sie erleben immer wieder wunderbare Bewahrung. Das Geschehen spielt in der assyrischen Hauptstadt Ninive und Umgebung, wohin Tobit – vom nordisraelitischen Stamm Naftali stammend – nach 722 v.Chr. verbannt worden ist (1,9-11).

Das Buch macht deutlich, dass jeder Israelit in den Nöten der Weltdiaspora die rettende Hilfe seines Gottes erfahren kann, wenn er in Treue zu diesem Gott und seinem Gesetz, aber auch zum Gottesvolk und den Überlieferungen der Väter steht.

Die Übersetzung des Monatsspruchs ist der neuen Einheitsübersetzung entnommen. Zur Ergänzung möchte ich die Übersetzung der Luther-Bibel von 2017 hinzufügen: Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben.

Almosen zu geben, ist heute nicht mehr so angesagt. Es gibt staatliche Leistungen, die wir für ausreichend halten. Und wenn wir dann mal durch die Innenstädte gehen, fallen uns zwar die Obdachlosen auf, aber wir sind schnell mit einem Urteil dabei. Oft ist es eine Ausrede, warum wir nichts geben wollen: „Der ist doch selbst schuld, er kann doch arbeiten gehen oder hartzen!“ – „Die sammeln doch mehr ein, als manch ein Rentner bekommt!“ – „Das sind doch ausländische Banden, die hier nur ausgesetzt werden, körperliche Leiden vortäuschen und hier großen Reibach machen!“ – „Der soll doch nur seinen Hund abschaffen, dann hat er doch genug.“

Das mögen Einwände sein, die hin und wieder zutreffen. Ich habe einmal mit einem dieser Obdachlosen einen Döner gegessen. Ich hatte gerade eine positive Nachricht erhalten, dass mein Krebs sich noch nicht wieder gemeldet hatte. Dieser Mann von der Straße erzählte mir, dass er auf Grund seiner Scheidung aus der Bahn geworfen war. Plötzlich konnte er seine Wohnung nicht mehr halten. Die Arbeitsstelle war durch die Beziehungsprobleme verloren gegangen. Jetzt konnte er eine neue Arbeit anfangen, hatte aber keine Wohnung, und eine Wohnung bekam er nicht, weil er keine Arbeit hatte oder sie zu teuer war.

Almosen geben kann auf vielfältige Art geschehen. Es gibt viele Möglichkeiten, und es muss nicht direkt geschehen. Hören wir doch auf Tobit. Wenn wir aus dem Vollen schöpfen, sollen wir Almosen geben. Aus dem Vollen schöpfen, so gut geht es nicht jedem. Aber auch wenn wir nur wenig haben, sollen wir uns nicht fürchten, etwas zu geben. Damit macht Tobit darauf aufmerksam, dass er in seinem Leben auch bei allen Gefahren, Krankheiten und anderen Nachteilen immer wieder erfahren hat, dass er nie von Gott verlassen war.

In der neuen Luther-Übersetzung heißt es: scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. Das weist auf einen anderen Aspekt hin. Manchmal erscheinen uns 10 Cent zu wenig, weil wir vielleicht nicht mehr haben und wir schämen uns dafür. Aber es kommt darauf an, dass wir von Herzen geben.

Wie sind unsere Erfahrungen mit Gott? Sind die vergleichbar mit Tobits? Vielleicht sind wir nicht so bedroht oder Krankheiten ausgesetzt. Aber wir haben erfahren, dass Gott da ist. Erinnern wir uns doch an diese Erfahrung, um anderen gegenüber großzügig zu sein.

Werner Wiebe