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Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht Knechte der Menschen.

1. Kor 7,23

„Teuer gekauft“ könnte da auch stehen. Das griechische Wort für ‚erkaufen‘ meint ja auch schlicht „kaufen“ – auf dem Markt, oder anderswo. Jemand hat teuer für uns bezahlt.

Sklavenmärkte werden wie in antiken Städten auch in Korinth eine Selbstverständlichkeit gewesen sein. Wie andere Waren wurde auch die Ware Mensch dort gehandelt. Der Preis richtete sich nach ihrem Nutzen für den künftigen Besitzer. Jung? Arbeitsfähig? Ansehnlich? Gut ausgebildet? Gute Sklaven konnten teuer sein.

Im Handel, von dem unser Monatsspruch redet, ist Gott der „Käufer“. Das Bild ist für politische Korrektheit nicht unproblematisch. Gott mit einem Sklavenhalter vergleichen? Paulus weiß, dass Vergleiche hinken. Aber er wagt den Vergleich Gottes mit einem Sklavenkäufer, weil er zutiefst weiß: „Keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner von uns stirbt für sich selbst“.

Leben ist Leben in Beziehung. Menschen sind angewiesen aufeinander. Die Frage ist, schaffen die Beziehungen, in denen wir leben, einen Raum zur Entfaltung oder Abhängigkeiten? Menschen können sich auch selbst knechten, abhängig machen von Selbstbildern, denen sie nachlaufen. Und Menschen können sich verlieren in Abhängigkeiten, können Sklaven werden etwa von Sucht oder von unverziehener Schuld. Verglichen mit dem Traum von menschlicher Autonomie ist das schiefe Bild der Sklaverei wohl das realistischere; und Paulus‘ Bild vom Sklavenmarkt weniger gewagt.

Gott kauft teuer. Gott kalkuliert nicht nach dem Maß des Nutzens, sondern nach der Maßlosigkeit seiner Liebe. Von Anfang an will Gott die Freiheit und Würde der Menschen. Zu seinem Ebenbild sind sie geschaffen, frei „ja zu sagen oder nein“. Gerufen, aufrecht und frei den Blick zu erheben. „Mit mächtiger Hand und ausgestrecktem Arm“ werden sie herausgeführt aus Ägypten, dem Sklavenhaus.

Gott liegt an nichts so sehr wie daran, dass Menschen frei werden, auch aus den selbstgeschaffenen Abhängigkeiten. Dafür lässt Gott sich herab, gibt sich, lässt sich enttäuschen. Er lässt seine Liebe strapazieren, erträgt die Abwendung der Menschen. Um der Liebe willen. Lässt sich verraten für Blutgeld. Weil Liebe nicht anders möglich ist als in Freiheit.

„Die Leute nehmen das Wort ‚frei‘ gern für sich in Anspruch; ganze Herden von Parteisklaven nennen sich so. Dabei kommt es mir vor, als hätten wir viel mehr Anlage, jemandes Knecht zu sein“. Diese Sätze schrieb der evangelische Pfarrer Samuel Keller wohl um 1890. Man mag ihm nicht wirklich wiedersprechen.

Es ist leichter „Freiheit“ als Anspruch vor sich herzutragen, als sie zu leben. Es ist leichter, mit dem Mainstream zu denken und zu reden als quer dazu. Es ist leichter, sich in der Sicherheit und Einigkeit des eigenen Milieus zu bewegen als mit denen in Kontakt zu treten, die anders leben und andere Wertvorstellungen haben. Die Freiheit der Freigekauften Gottes aber ist ein Freiraum für Entdecker, in dem vertraute Gewissheiten und Gewohnheiten aufs Spiel gesetzt werden können. Die Freigekauften wissen ja, sie leben nicht von ihren Gewissheiten, sondern von – und für Gott, dem kein Preis zu hoch für sie scheint.

Gudrun Laqueur, Berlin