English version of this page

Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

Psalm 139, 14

In einer veränderten Welt

Im März dieses Jahres hätte ich begeistert unterschrieben: Ja, so ist es. Die Welt ist weit und wunderschön. Danke, dass ich gesund bin, reisen und weltweit neue Länder kennenlernen darf. Mit jeder Reise, jedem Flug, jedem Ziel erkenne ich, wie wunderbar doch die Welt ist. Danke für die großartige Schöpfung.

So dachte ich, als wir hoch über dem Mittelmeer nach Hause flogen. Wir hatten einen zweiwöchigen Urlaub in Kreta erleben dürfen, waren am Strand entlang gegangen, weil es noch zu kalt zum Baden war, hatten die Ida – Gebirge gesehen, die auf den Berggipfeln noch Schnee trugen. Wie weit und herrlich war die Welt – ohne Grenzen…

Bis wir in Stuttgart landeten. Wir kamen in ein völlig verändertes Land. Statt des üblichen Gedränges war der Flughafen fast menschenleer. Auch der Zug, der uns vom Flughafen zum Bahnhof brachte, hatte nur uns als Passagiere. Es war Sonntag und ich schob die Ruhe darauf. Aber in dem Zug, der uns von Stuttgart nach Hause brachte, sah es nicht anders aus. Was war nur geschehen?

Im Fernsehen hörten und sahen wir dann die Bescherung: Corona, eine bis dahin unbekannte Seuche, bedrohte nun unser Land. Es war von Ausgangssperren die Rede und vom Virus Covid – 19. Nie gehört, aber erschreckend. Die Ansteckungszahlen schnellten in die Höhe. Ausgangssperren waren die Folge. Für meine Frau und mich schlossen sich die Türen. Nachbarn boten an für uns einzukaufen, da wir die Wohnung nicht mehr verlassen sollten. Wir gehörten zur Hochrisikogruppe.

Am Anfang war das kein Problem. Wir hatten einen Balkon und damit ein Zimmer mit freier Luft und einem herrlichen Ausblick über die nahe Siedlung. Abends standen wir wie unsere Nachbarn auch und haben gesungen und getratscht. Keiner von uns wusste, wie das wohl weitergehen würde. Wir waren aus der grenzenlosen Freiheit in ein freiwilliges Gefängnis umgezogen.

Sehr bald wurde uns deutlich, wie sehr wir den Kontakt nach außen vermissten. Die Lebensmitteltüten wurden uns vor die Tür gestellt. Danke sagen konnten wir nur vom Balkon herab. Wir kamen uns wie Aussätzige vor – ausgesetzt, ausgegrenzt, ausgestoßen. Zu unserem eigenen Schutz – das haben wir uns immer wieder klar gemacht. Die Zeit war wirklich nicht einfach.

Wir haben in den Wochen Einiges entdeckt. Wie groß die Wohnung doch ist und wie dankbar wir sein konnten, uns bewegen zu können. Aber wunderbar sind deine Werke, Gott? Das kam nicht über die Lippen. Bitte lass es bald vorbei sein! Lass uns gesund bleiben! Gib uns Kraft nicht den Mut zu verlieren! Das waren unsere Gebete.

Es war so still geworden in unserer Siedlung. Kaum ein Auto fuhr. Der Himmel war blau und ohne die gewohnten Kondensstreifen. Oft standen wir auf dem Balkon und schauten nach den Nachbarn und über die ungewohnt stille Umgebung. Die ganze Welt schien zum Stillstand gekommen. Das Fernsehen bestätigte unseren Eindruck: Gaststätten geschlossen, Schulen zu, Homeoffice statt Arbeitsplatz. Das Handy wurde ein wichtiges Verständigungsmittel, aber viel zu schnell waren wir wieder auf unsere Zweisamkeit konzentriert.

Draußen war Frühling. Der April viel zu trocken und zu warm. Kam wieder eine Dürre auf uns zu. Jubel über die wunderbaren Werke Gottes? Das kam uns nicht in den Sinn. Eher Angst vor der Zukunft, Bedrohung und viele, viele Fragen. „Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele“, singt der Psalmist. Manche Menschen sahen in der Krise eine Bestrafung Gottes. Früher wurden Seuchen so empfunden, erinnerte ich mich. War es diesmal auch so? Wollte Gott uns ein Zeichen geben? Ein Aufruf innezuhalten und nicht weiter aus dem Vollen zu leben, nicht weiter anzunehmen, dass die Welt grenzenlos sei. Das ganze letzte Jahr hatten die Jugendlichen vor der Klimakatastrophe gewarnt, die unaufhaltsam kommen musste, wenn wir so weiterlebten. War das der Anfang? Die Schranke, die herunterfiel, um die Welt zu stoppen.

Und meine Seele? Die anderen Menschen fehlten mir. Wie gerne hätte ich meine Kinder, Enkel und das neu geborene Urenkelchen gesehen, aber sie waren weit fort. An Besuche war nicht zu denken. Meine Seele hungerte, obwohl wir uns beide hatten und sehr viel miteinander sprachen, uns ganz neu entdeckten.

Ich stand oft vor dem Spiegel und schaute das nachdenkliche Gesicht an. War ich bereits krank? Zeigten sich Anzeichen? Der Mann, der mich da ansah, war älter geworden. Hochrisikogruppe? Ich dufte nach schwerer Krankheit gesund werden und wir waren noch einmal auf Reisen. Die Erinnerung daran ließ mich lächeln und das Gesicht im Spiegel veränderte sich. Ja, ich hatte allen Grund dankbar zu sein. Der Vers kam mir in den Sinn: Danke, dass ich wunderbar gemacht bin! Der Körper ist ein Wunder. Wieviel Jahre durfte ich schon leben! Ich war Urgroßvater und immer noch fit genug, um zu reisen, zu wandern, mich zu bewegen und glücklich zu sein. Meine Frau schaute sorgenvoll nach mir. „Geht es dir gut“, fragte sie. Ich lachte zum ersten Mal seit Tagen wieder. Die Losung für den August heißt: „Ich danke dir, dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Sie lächelte und meinte: „Das wollte ich dir schon lange einmal sagen. Du meisterst die Krise wirklich gut. Man sieht dir gar nicht an, dass du zur Hochrisikogruppe gehörst.“

Ich schaute sie an und mir war, als sähe ich sie wieder zum ersten Mal. Wir kennen uns seit fast 30 Jahren, aber da stand sie, wie ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, nur die Haare waren grau geworden, aber die braunen Augen lachten wie bei unserem Kennenlernen. „Ich hätte dir sagen sollen, wie toll du aussiehst“, sagte ich. „Dann tue es einfach und sage es öfter. Das tut sehr gut!“, antwortete sie. „Du bist für mich wie ein Spiegel“, erklärte ich. „Wenn ich dich ansehe, dann fühle ich mich auch, dann werde ich dankbar für unser Zusammenleben, für die schöne Zeit, auch jetzt, wo wir nicht rauskönnen.

„Es ist ein ganz großer Segen, dass wir die Zeit gemeinsam durchstehen können“, sagte sie. „Ganz allein verkümmert die Seele.“

„Öffnen wir die Fenster und Türen“, schlug ich vor. „Nein, nicht zum Herausgehen, sondern zum Wahrnehmen, dass die Bedrohung durch die Krankheit nicht alles ist. Kennst du das Lied, das Paul Gerhard dichtete, als er es kaum wagen konnte, das Haus zu verlassen, denn draußen wütete die Pest. Die Menschen trugen Masken vor dem Gesicht und blieben zu Hause, wann immer es möglich war. Aber das war nur ein winziger Ausschnitt aus dem Leben draußen. Wir Menschen sind nicht alles. Wir sind ein winziger Teil der Schöpfung. Wir können jetzt nicht raus, aber unser Herz kann raus.“

Wir sind dann auf den Balkon gegangen und haben das Lied von Paul Gerhard gesungen.

„Geh aus mein Herz und suche Freud!“ Alles war so, wie der Dichter es beschrieben hatte: Die Bäume voller Laub, die Blumen im Garten blühten, auch die unverdrossene Bienenschar besuchte unseren Balkon, die Vögel sangen. Wie schön war doch die Welt, auch wenn wir im Augenblick nicht teilnehmen konnten.

Ich schaute hoch zu den Wolken und sang: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!“ „Nicht nur über den Wolken“, sagte meine Frau, sondern für den, der Augen und Ohren hat. Lange nicht mehr war uns die Welt so herrlich erschienen.

Mir kam der Losungsspruch auf die Lippen: „Herr, ich danke dir, dass ich so wunderbar gemacht bin, das ich Atmen und Wahrnehmen darf. Wunderbar sind seine Werke, das erkennt meine Seele.

Voller Dankbarkeit standen wir lange umarmt auf dem Balkon.

Mittlerweile sind die Ausgangbeschränkungen gelockert. Wir waren schon selber wieder einkaufen. Natürlich tragen wir zu unserem Schutz und aus Achtung vor den Mitmenschen die Masken. Wir können rausgehen, uns frei bewegen. Sogar Urlaub ist wieder möglich.

Und viel wichtiger: Die Natur hat sich erholen dürfen, die Ernte steht auf den Feldern, an den Bäumen reift das Obst. Wir dürfen leben. Um uns herum ist die wunderbare Schöpfung. Die Tage kommen und gehen und wir gehören dazu.

Corona ist ein Grund anzuhalten und zu begreifen. Es gibt Grenzen, es gibt Beschränkungen, aber das ändert nichts daran, dass Leben etwas ganz Wunderbares ist.

Gottfried Zurbrügg