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Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.
Hiob 19,25

Dieses ist wohl der bekannteste Vers aus dem Buch Hiob. Damit sind wir erst in der Mitte des Buches. Die große Erkenntnis Hiobs steht noch aus: Wir lesen davon in Kapitel 42. Unser Monatsspruch ist jedoch eine wichtige Etappe auf dem Weg zu dieser Erkenntnis. Hiob hat jede Menge „Hiobsbotschaften“ erhalten. Sein ganzer Reichtum ist dahin, seine Kinder sind tot und er selber ist schwer krank. Seine Frau, die als einzige aus der Familie übrig geblieben ist, rät ihm: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!“ (2, 9). Auch seine Freunde Elifas, Bildas und Zofar sind keine Hilfe. In ihren Augen hat Hiob gesündigt und wird dafür bestraft. Aber Hiob hält trotzdem an seiner Sicht der Dinge fest: Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Gott straft mich ohne Grund. In Kapitel 31 bestätigt er dies noch einmal. In den Reden Elihus, die zunächst einmal an die Reden der anderen drei Freunde erinnern, wird dann doch der Blick auf die Souveränität und Größe Gottes gelenkt. Durch die danach folgenden Reden Gottes kommt Hiob zur rechten Erkenntnis.

Die Situation Hiobs in unserem Monatsspruch ist also noch weit von der entscheidenden Erkenntnis entfernt. Umso mehr ist hervorzuheben, dass Hiob in dieser Situation den Blick auf Gott richtet. Er hört nicht auf seine Frau. Er lässt sich nicht durch das Unglück, das ihn getroffen hat, vom Glauben an Gott abbringen.

Das ganze Buch schildert uns, wie wir mit Leid umgehen können. Die Frage der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes, ist eine der Fragen, die heute viele Menschen an der Existenz eines allmächtigen Gottes zweifeln lässt. Wir sind heute mit so viel Leid konfrontiert. Und wir fragen uns, wie das mit einem allmächtigen, liebenden Gott in Einklang zu bringen ist. Durch unsere heutigen Medien bekommen wir alles direkt ins Haus geliefert, und wir sind dabei oft schrecklichen Bildern ausgesetzt. Leid begegnet uns in Form von Krieg, Terror und Hass. Diese Form des Leides läßt sich noch erklären, weil sie durch Menschen verursacht ist. Macht, Ansehen, Geld und Einfluss spielen dabei oft eine entscheidende Rolle. Hass kommt auf, wenn ich mich zurückgesetzt fühle und ich Leid durch andere Menschen erfahren habe.

Aber die andere Seite des Leids entsteht durch Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunamis oder durch persönliche Schicksalsschläge wie Krankheiten, wie z.B. Krebs. Gerade hier lautet dann oft der Vorwurf: Wenn ein guter allmächtiger Gott existiert, wie kann er dann zulassen, das Unschuldige leiden müssen. Das Fazit daraus ist dann: Entweder ist Gott nicht gut, oder er ist nicht allmächtig. Leider führt dies bei vielen Menschen dazu, dass sie an Gott zweifeln und sich damit von ihm abwenden.

Auf diese unlösbare Frage antwortet der britische emeritierte Mathematikprofessor John Lennox: „Wenn wir Mathematiker jahrhundertelang erfolglos versuchen, eine Frage zu lösen, dann wenden wir manchmal ein: Gibt es eine bessere, berechtigtere Frage? Ich würde die Frage anders stellen: Gibt es Hinweise für einen Gott, dem wir trotz dieses unlösbaren Problems vertrauen können?“

Und da gibt es eine eigentümliche Antwort: Wir Christen glauben, dass Gott selber Mensch wurde – daran erinnern wir zu Weihnachten – und am Kreuz gestorben ist – Karfreitag. Aus diesem Geschehen wird deutlich, dass man das Leiden zwar nicht erklären kann; aber wir wissen: Gott ist nicht fern von unserem menschlichen Leid. Er kennt es, er hat es selbst durchlitten. Es gibt keinen besseren Zuspruch in Leid und Trauer als das Wissen, dass Gott selber es ertragen hat und in unserem Leid an unserer Seite steht.

Werner Wiebe