August 2026
Jesus Christus spricht: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.
Johannes 10, 10
Als Monatsspruch bekommt dieser Vers eine andere Aufmerksamkeit als beim normalen Bibellesen. Denn oft wird das Interesse eher den beiden Ich-bin-Worten Jesu gelten, die direkt davor und danach stehen. In Vers 9 sagt Jesus: Ich bin die Tür, und in Vers 11: Ich bin der gute Hirte. Dabei hat es auch der Monatsspruch durchaus in sich. Was heißt „Leben in Fülle“ oder „volle Genüge“, wie die Lutherbibel das ausdrückt? Darüber lohnt es nachzudenken.
Alle drei Verse weisen die Doppelbödigkeit auf, die für das Johannesevangelium so typisch ist. „Leben in Fülle“ – ist das im vollen Sinn auf dieser Seite des Todes wirklich möglich? Im weiteren Verlauf des Kapitels spricht Jesus davon, dass er den Seinen das ewige Leben gibt. Diese Ebene schwingt in unserem Monatsspruch mit. Aber Jesus sagt das zu Menschen, die er jetzt und hier ansprechen will. Ihr Leben soll mit ihm und durch ihn eine andere Dimension, eine andere Tiefe bekommen. Er weiß sich eins mit dem himmlischen Vater. Wer den konsequent in sein Leben lässt, kann Entdeckungen machen – Leben in einer immerhin vorläufigen Fülle. Bei dem Wort Fülle kommt es allerdings auf den Blickwinkel an. „Hülle und Fülle“ im landläufigen Sinn kann schwerlich gemeint sein.
Die Übersetzung der Guten Nachricht spricht hier von „Leben im Überfluss“ – eine Wortwahl, die heute missverständlich ist. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts war die Welt der Superreichen mit ihren Luxusyachten, Hubschraubern und Superevents noch weit entfernt. Eine „Jahrhundert-Hochzeit“ wie die von Jeff Bezos in Venedig war nicht vorstellbar. So kommt heute der Überfluss daher. Das können Christenmenschen nur kritisch bis verständnislos kommentieren. Es gab Zeiten, da wurde das anders definiert. „Was frag ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin. Gibt Gott mir nur gesundes Blut, so hab´ ich frohen Sinn“ sagt ein altes Volkslied.
Der Hamburger Kirchentag 2013 stand unter der Losung „So viel du brauchst“. Das zielt in die gleiche Richtung wie der Wortlaut in der Lutherbibel – volle Genüge. Der klingt zwar leicht altmodisch, aber es wird der Doppelbödigkeit des Johannesevangeliums gerecht. Vergangene Generationen haben sich das ewige Leben oft detailliert ausgemalt. Da sind wir heute sehr viel vorsichtiger. Dass man dann aber „genug“ haben wird, ohne unerfüllte Wünsche, das finde ich eine hilfreiche Vorstellung. Und auch jetzt schon für mein Leben dankbar zu sein, es in der Bilanz trotz aller Defizite für sinngefüllt zu halten, dazu hilft mir mein Glaube. Im Paul-Gerhardt-Jahr soll der Dichter hier das letzte Wort haben: Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Ein Wegweiser zu einem Leben in Fülle.
Friedhelm Voges
