Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

November 2026

Der HERR wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.

Jesaja 2, 4

Heute ist der Reformationstag. Ein Feiertag in neun Bundesländern. Morgen beginnt der November. Am 1. November ist Allerheiligen. Ein Feiertag in drei Bundesländern. Und dazwischen liegt das mittlerweile bundesweit gefeierte Halloween. Es ist übrigens auch ein Fest mit irisch-christlichen Wurzeln. Je nach Gegend ziehen die Kinder von Tür zu Tür, singen und bitten um Süßes oder Saures. Der November hat es in sich. In unseren Breiten wird es früh dunkel und er hat etwas Schweres an sich. Es sind die Gedenktage, die ihn schwer und traurig machen.  Der 9. November ist einer der schwersten von ihnen. Es war jener Tag, an dem die Synagogen 1938 in ganz Deutschland von Nationalsozialisten angezündet und zerstört wurden. Die Reichspogrom-Nacht. Viele Menschen sahen zu – unbeteiligt. Manche waren begeistert, machten mit und/oder johlten. Nur Wenige waren entsetzt. Und nur sehr Wenige schritten ein. In Hannover stand die große Synagoge an der sog. „Straße der Toleranz“: da waren die reformierte und lutherische evangelische Kirche, dann kam die Synagoge und daneben die katholische Kirche. Heute ist dort, wo die Synagoge stand, ein kleiner Gedenkort.  Am 9. November jeden Jahres gedenken wir  der ermordeten Juden, meist wird die Stunde von SchülerInnen gestaltet. RabbinerIn oder KantorIn beten das El Male Rachamim: G’tt voller Erbarmen, in dem Namen der Vernichtungslager benannt werden und das Kaddisch, das sog. Totengebet, in dem es auch um Frieden geht. Wir, die Nachfahren der Tätergeneration gedenken unserer Schuld. Und wir bekennen zusammen mit den SchülerInnen, die die Namen der Ermordeten vorlesen und weiße Rosen niederlegen, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Erinnerungskultur nennen wir das. Und wir wissen, dass diese Kultur von der Unkultur der alten und neuen Rechtsextremen ignoriert und bekämpft wird. Und wir wissen, dass mehr und mehr  antisemitische Straftaten verübt werden. Darum ist jedes kleine Saatgut gegen dieses Gedankengut wichtig und sinnvoll.

Ich hatte gerade meine MitschülerInnen, mit denen ich 1974 Abitur gemacht habe, zu Gast. Wir waren in der Rathaushalle in Hannover und haben uns die Stadtmodelle des Mittelalters, von 1939, 1945 und das nahezu aktuelle angesehen. 1939 war die Stadt fast unversehrt, nur die Synagoge geschwärzt. 1945 war Hannover nahezu gänzlich zerstört. Gemeindemitglieder erzählten mir von den Bombennächten, in denen sie als Kinder in Bunkern. u.a. in einem unter einer Kirche waren. Wie eng es war und wie groß ihre Angst war. Die Erwachsenen hätten gebetet und leise gesungen und versucht, die Kinder zu beruhigen.

Wir, die Generation, die in der Mitte der 50er geboren wurde, spürten die Nachwirkungen des Krieges in unseren Familien, bei unseren Lehrenden und natürlich in den Debatten, die nicht geführt wurden und um die wir später kämpften. Für die Aufklärung über die Shoa und gegen die Verherrlichung der Wehrmacht. Wir wissen, wie lange es währt, bis die Traumata von Gewalt und Krieg bewältigt werden können, wenn sie es denn werden. Und wir stellen mit Entsetzten  fest, dass das faschistische Gedankengut wieder zunimmt. Nicht nur im Osten, überall in der Bundesrepublik.

Dieser Bibelvers und sein Zwilling im Buch Micha ist ein Saatgut für den Frieden. In der jüngeren Geschichte wurde tatsächlich geschmiedet. 1983 in Wittenberg, auf dem Lutherhof. Zur DDR-Zeit. Friedrich Schorlemmer, damals Pastor an der Schlosskirche und viele Friedensaktive, aus der DDR und von anderswo, u.a. Friedrich von Weizsäcker waren dabei. Daraus folgte ein Logo, das ein Symbol für die west- und ostdeutsche Friedensbewegung wurde. (Bild)Von dieser bin ich geprägt und ich bin dankbar und stolz, dass die Hannoversche Landeskirche 2019 entschieden hat, Kirche des gerechten Friedens zu werden. Ich war in der Vorbereitungsgruppe. Etliche Friedensprojekte werden seitdem zuverlässig finanziell gefördert. Sie streuen Saatgut für den Frieden, die Woltersburger Mühle z.B. und das Antikriegshaus Sievershausen. Damit wir, Junge und Alte, friedensfähig werden und bleiben.

Hanna Kreisel-Liebermannft

Herkunft/Rechte: DDR Geschichtsmuseum im Dokumentationszentrum Perleberg / Ruth Bergmann (Facts & Files) (CC BY-SA)

Fleeceaufnäher: „Schwerter zu Pflugscharen“ :: DDR Geschichtsmuseum und Dokumentationszentrum Perleberg :: museum-digital:deutschland