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Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

Dezember 2022

Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. Jesaja 11, 6

Im diesjährigen Kalender >Der Andere Advent< gibt es für den Heiligen Abend das beigefügte Bild zu bestaunen: ein Wolf und ein Lamm, nebeneinander und aneinander geschmiegt liegend an einem Baumstamm. Es ist ein Bild des Miteinanders, des Einverstandenseins, der Angstfreiheit, des Friedens. Ein Bild für Weihnachten.

Aus: Kalender „Der Andere Advent“ 2022/2023, 

Verein Andere Zeiten e.V. Hamburg, www.anderezeiten.de

Natürlich hat dieses Bild mit der Realität nichts zu tun. Es mag eine Momentaufnahme, eine Montage sein. Die Idylle trügt. Man weiß ja nur allzu gut, was dann geschehen wird: Vom Lamm, vom Böcklein und vom Kalb werden bald nichts mehr übrig sein als ein paar Knochen. Und der kleine Junge muss sehr aufpassen, dass er irgendwie sein Leben rettet. Sonst ist er mit dran. So geht es leider zu in dieser unserer Welt: fressen und gefressen werden, das Recht des Stärkeren, struggle for life. Das sehen wir in den Tierfilmen, das erleben wir in unserer Gesellschaft, das sind unsere Instinkte und die der Tiere auch.
Natürlich weiß Jesaja, dass diese Bilder, die er entwirft, nicht mit dem vorfindlichen Leben zusammenpassen. Doch es scheint ihn nicht zu bekümmern, im Gegenteil: Er sagt Frieden an, und da kommt Freude auf! Und Staunen. Und er scheint sich ganz sicher zu sein: Diese Zeit wird ohne jeden Zweifel kommen, in der alles anders sein wird. Und es ist kein Traum, sondern es sind Gottes Möglichkeiten, die sich da auftun und von denen er spricht. Nein, die Menschen und die Tiere und die gesamte Natur sind dazu nicht fähig. Da bedarf es schon der Hilfe eines anderen, der die Welt nicht sich selbst und ihren Gesetzen überlässt, sondern eine neue, eine ganz andere Welt und Gemeinschaft entwirft.
Weihnachten ist der Beginn dieser neuen Welt, dieses anderen Umgangs, dieser grundsätzlichen Neuorientierung. Da werden die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Da werden Outcasts wie Hirten zu geladenen Ehrengästen, da knien Könige, da leuchtet ein Stern und erhellt alle Dunkelheiten, da erklingen himmlische Chöre, da wird einem kleinen Kind gehuldigt, und Ochs und Esel verzichten auf ihre Krippe. Ein kleines Kind, ein kleiner Junge löst das alles aus. Er wird als Retter der Welt gepriesen. Und seither sind wir eingeladen, „dort“, also jenseits unserer Erfahrungen, unserer Erwartungen, unseres Kummers, unserer Ohnmacht, unserer Feindseligkeiten, unserer eigenen Bemühungen, uns einzufinden und mit einzustimmen: >Ich steh an deiner Krippe hier> , >ich sehe dich mit Freuden an<, >ich bleib anbetend stehen< und das Wunder zu bestaunen, das hier geschieht. Aber dann mache ich mich auf zurück in mein Leben, aber als Beschenkte und Beschenkter. Denn uns ist der Heiland geboren, der Friedensstifter, der Veränderer, der Stifter einer neuen Gemeinschaft und einer neuen Welt, die immer dann schon Konturen gewinnt und in gewisser Weise Gestalt annimmt, wenn wir glauben, hoffen und lieben.
Arno Lembke