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Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

Juli 2024

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist.

2. Mose 23, 2

„Die Geflüchteten bekommen ALLES, und andere Leute bekommen keine Wohnung und kein Geld“, sagt meine Nachbarin bei unserem gemütlichen Kaffeetrinken. „Ihr von der Kirche seht das ja anders, aber die Meisten denken wie ich.“

Ich widerspreche ihr und frage: „Was meinst du denn mit Alles? Ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen?“

Oder Anderes? Oder mehr? Was ist für dich „ALLES“?

– Ich glaube nicht, dass sie für die Mehrheit spricht, und ich hoffe nicht, dass es so weit kommt, dass sie das zu Recht behaupten kann! Aber auch der Minderheit soll und will ich mich nicht anschließen, wenn sie im Unrecht ist!

„Ihr von der Kirche seht das anders.“ Der Satz freut mich, in dieser Kirche fühle ich mich daheim!

„Weil unsere Regierung alle Geflüchteten reinlässt, wurde der Polizist in Mannheim getötet“,hat ein AfDler am Wahlstand seiner Partei behauptet. Ich habe es nicht selbst gehört, eine Bekannte hat es erzählt; aber ich habe mich gefragt: Was hätte ich entgegnet?
Hätte ich mich abgewandt, weil ich auf solches Geschwätz nicht reagieren will? Hätte ich eingewandt: „So viel ich weiß, sind Beate Zschäpe und Uwe Mundlos Deutsche- oder irre ich mich?“

Hätte ich aggressiv protestiert um des eigenen guten Gewissens willen und mit dem Wissen, dass ich ihn so nicht überzeuge?

Nicht nur der Mehrheit soll ich mich nicht anschließen; auch der Minderheit soll und will ich mich nicht anschließen, wenn sie im Unrecht ist. Und arrogant schweigen, weil ich mir das Geschwätz zu dumm ist- das soll und will ich auch nicht und tue es doch viel zu oft.

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist.

Das ist ein Grundsatz altisraelischen Rechts, zunächst formuliert, um auf die Verantwortung vor Gericht hinzuweisen. Zwei oder drei Zeugen reichten aus, um jemanden schuldig zu sprechen. Reden sie nach der Mehrheit oder nach ihrer Überzeugung?

In der Passionserzählung des Matthäusevangeliums (Mt 26) lesen wir, dass nicht nur ein Mensch nicht fragt: „Was ist Recht?“ sondern: „Was nützt uns?“

„Viele falsche Zeugen traten auf, zuletzt zwei, die sagten: „Er hat gesagt, er kann den Tempel Gottes abreißen und in drei Tagen wieder aufbauen…“

– Und wenn er das gesagt hat: Wie ist es denn gemeint? Sind die zwei nicht fähig, das Bild zu deuten? Ist ihnen der Angeklagte nicht der Mühe wert? Wollen sie nicht für` s Recht sorgen sondern es den politisch und religiös Einflussreichen recht machen?

Pilatus ist die Ruhe im Land die Hauptsache. „Ich urteile nach der Mehrheit und wasche meine Hände in Unschuld.“ Ist die Mehrheit überhaupt die Mehrheit oder ist sie nur laut?

Wer denkt wirklich, was er/ sie schreit, und wer schreit einfach mit? Ihr Geschrei klingt Pilatus in den Ohren, auf sie nicht zu hören, könnte seinen Posten kosten.

„Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

Ich habe nichts gesagt, ich bin nicht schuld. Ich wurde ja gezwungen. Was hätte ich denn machen sollen?

Das hättest du machen sollen:

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist-

auch nicht durch Schweigen, auch nicht durch Resignation „Mein Widerspruch nützt eh nichts“.

Das hättest du machen sollen, Pilatus.

Das sollst du machen, du, Mensch, nicht nur vor Gericht, auch in alltäglichen Situationen.

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist.
Also: Der Minderheit anschließen?

Das ist mir suspekt, ganz besonders nach den Reden von Querdenkern zur Corona- Zeit. Ich bin kein „Schlafschaf“, wenn ich Fachleuten eher glaube als ihnen- wohl wissend, dass Fachleute irren können, die lautstarken (und oft wenig informierten) Kritiker aber auch!
Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn du davon überzeugt bist, dass sie im Unrecht ist.

Du sollst dich nicht der Mehrheit anschließen, wenn du lieber fragen möchtest als behaupten.

Der biblische Auftrag bleibt: Frage nach dem Recht und frage nicht, was opportun ist.

Du sollst dich weder der Mehrheit noch der Minderheit anschließen, wenn sie im Unrecht ist sondern sorgfältig abwägen, gewissenhaft Argumente prüfen- und dann nicht „die Hände in Unschuld waschen“ sondern Verantwortung übernehmen für die eigene Position und, wenn es sein muss, später Irrtum und Schuld eingestehen.

Dorothee Gammel