Angedacht-Gedanken zum Monatsspruch

September 2026

Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.

Prediger 4, 6

„Das Bessere ist des Guten Feind“ so schrieb einmal der französische Philosoph Voltaire, der für seine kritischen und oft auch spöttischen Bemerkungen bekannt wurde. Wir alle kennen vermutlich notorische Besserwisser, die jede Begegnung anstrengend machen. Wir wissen auch, was eine „Verschlimmbesserung“ ist. Und wir kennen wohl auch die Bemerkung, dass bei bestimmten Vorhaben und Aktionen (oder auch Predigten?) „gut gemeint“ das Gegenteil von „gut“ sein kann.

Von etwas „Besserem“ im ursprünglichen, positiven Sinn ist dagegen im Buch des Predigers in der hebräischen Bibel die Rede, also in jenem Buch, das bis heute Fundgrube für tiefgründige und oft auch überraschende und erstaunliche Gedanken ist. Voll mit ungewöhnlichen Vergleichen und nachdenkenswerten Sprüchen, über die man manchmal nur staunen kann, bisweilen auch lächeln muss.

Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. Blicken wir zunächst auf die zweite Hälfte dieses Satzes, auf den Vergleich. Das sprichwörtliche „Haschen nach dem Wind“ ist uns allen vermutlich auch nicht unbekannt. Wir wissen, dass dies nichts bringt und trotzdem weit verbreitet ist. Es betrifft unendliche viele Gesprächsbeiträge, Vorhaben und Pläne – im privaten Bereich wie in der Öffentlichkeit, in der Politik wie in der Kirche. Vieles entpuppt sich alsbald oder im Laufe der Zeit als eine Luftblase. Als Fantasiegebilde oder Illusion. Auch Luftblasen (so wie auch Seifenblasen) kann man nicht mit den Händen greifen, nicht festhalten. Der mühevolle Versuch lohnt sich nicht. Der Wind weht eben, wohin er will, und entzieht sich dem Zugriff unserer Hände.

Eine Hand voll mit Ruhe dagegen ist etwas ganz anderes. Auch Ruhe ist natürlich im materiellen Sinne nicht greifbar. Unsere Hände sind natürlich sehr wohl zum Zugreifen und Zupacken da, zum Arbeiten, Sammeln und Bauen. Hände werden aber auch missbraucht: zum Kämpfen, Schlagen und Töten. Doch unsere Hände haben auch eine ganz andere, tiefer gehende Bestimmung: Wir können sie nämlich auch bewusst ruhen lassen, einfach so in den Schoß legen. Wir können einander die Hände reichen, still und zugewandt. Wir können unsere Hände zum Gebet falten. Und wir können unsere Hände zum Segen ausstrecken, ruhig und bedeutungsvoll. Wir haben dann gleich zwei Hände voll Ruhe, können diese Ruhe teilen und weitergeben. Aus Händen voll mit Ruhe kann ungeheure Kraft erwachsen, Nähe und Verbindung zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Gott. Und das ist besser als vieles andere.

„Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.“. So heißt es in dem schönen Mittagslied von Jochen Klepper. Gönnen wir unseren Händen doch mittags, abends und dann wieder an jedem Morgen neu
schöpferische Pausen, in denen wir zur Besinnung kommen. Zur Besinnung darüber, dass es immer noch und immer wieder etwas Besseres gibt als das mühevolle und doch vergebliche Haschen nach dem Wind.

Solche Erfahrungen können uns vielleicht dabei helfen, in unserem Leben vieles klarer zu sehen, verantwortlicher zu handeln und zuversichtlicher zu glauben. Damit wir nicht länger der Illusion nachgehen müssen, wir hätten alles selbst in der Hand, sondern spüren: Wir werden selbst gehalten. Werden von Gott an die Stellen geführt und getragen, wo wir gebraucht werden und wohin wir gehören.

Bernd Krefis, Steinfurt-Burgsteinfurt