Bericht vom 26. Konvent der Evangelischen Zehntgemeinschaft
im Zinzendorfhaus in Neudietendorf vom 16. bis 18. Oktober 2024
25 Jahre nach der Gründung der Evangelischen Zehntgemeinschaft kam unser Konvent in diesem Jahr zum zweiten Mal im Zinzendorfhaus in Neudietendorf zusammen. 33 Personen haben an dem Konvent teilgenommen und konnten den Komfort des Hauses in den Zimmern und Tagungsräumen wie auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten genießen. Anders als in Jerichow wurde für die Verpflegung, die Reinigung und das Bereitstellen von Getränken vom Haus gesorgt, was die Vorbereitung erheblich erleichtert hat.

Den Auftakt zum Konvent bildete wieder eine Vorstellungsrunde im Chorsaal. Erfreulicherweise waren einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum ersten Mal bei einem Konvent der EZG dabei. Außerdem haben auch einige teilgenommen, die ihren aktiven Dienst aus Altersgründen beendet haben. In Gruppen wurde angeregt über Erfahrungen aus den Gastdiensten diskutiert. Dabei spielten auch grundsätzliche Fragen eine Rolle wie die nach der Zukunft der Kirche in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft. Die Andachten haben wir in diesem Jahr im Raum der Stille gefeiert, dessen besondere Atmosphäre alle als wohltuend empfunden haben.
Am ersten Abend hat Regionalbischöfin Bettina Schlauraff über aktuelle Entwicklungen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland berichtet. Ein zentrales Thema auf allen Ebenen der Kirche waren die Ergebnisse des Forschungsverbunds ForuM, der sich im Auftrag der EKD mit der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland befasst hat. Angesichts des fortschreitenden Mitgliederrückgangs sind die Kirchenkreise und Gemeinden herausgefordert, neue Strukturen zu schaffen. Die Landeskirche lässt ihnen viel Freiraum für neue Wege, von der Förderung regionaler Zusammenarbeit bis zur Schaffung von Ausstrahlungsorten. Der wachsende Rechtsextremismus bedeutet auch für die Kirche, klare Grenzen zu ziehen. So haben sich Landeskirche und Diakonie vor der Landtagswahl in Thüringen deutlich positioniert und mit großflächigen Transparenten Stellung bezogen.

Anschließend habe ich über einige Erfahrungen aus der Arbeit der EZG berichtet. 2024 haben 45 Gastdienste stattgefunden: 20 in der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, 19 in der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, außerdem vier in Mecklenburg und Vorpommern sowie zwei in der Landeskirche Anhalts. Anlass für die Gastdienste waren vor allem Urlaub und Vakanz, aber auch Eltern- oder Studienzeiten. In diesem Jahr waren die meisten mit ihrer Unterkunft und den Arbeitsbedingungen zufrieden. Sorgen bereitet uns der Präsenzdienst, den wir von Mitte Juni bis Mitte September in der Klosterkirche Jerichow anbieten. In diesem Jahr waren es zu wenige Präsenzdienstleistende, so dass in den letzten drei Wochen kein Dienst mehr stattfinden konnte.

Am Donnerstag stand eine Exkursion nach Gotha auf dem Programm. Im Augustinerkloster wurden wir von Superintendent Friedemann Witting empfangen mit einer Andacht zur aktuellen Herausforderung von Jesu Gebot der Feindesliebe. Anschließend informierte er über die Geschichte des Klosters, das im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Erster Gothaer Superintendent war Friedrich Myconius (1490-1546), ein enger Mitarbeiter Martin Luthers. In einer Gesprächsrunde im Gemeindesaal berichtete Herr Witting über die aktuelle Situation im Kirchenkreis Gotha. In den vier Regionen arbeiten die Pfarrerinnen und Pfarrer in Teams zusammen mit individuellen Schwerpunkten. Vakanzen gibt es nicht, die EZG ist noch nicht angefragt worden. Das kann sich ändern, wenn mehrere Pfarrer in den Ruhestand gehen.
Am Nachmittag hat Oberkirchenrat Dr. André Demut, der Beauftragte der EKM bei Landtag und Landesregierung in Thüringen, einen Vortrag gehalten über „Die politische Situation in Thüringen und die evangelische Kirche“. Er ging zunächst auf Ergebnisse des Thüringen Monitors von 2023 ein. Danach stimmten 88 % der Befragten der Aussage zu, dass die Demokratie die beste Staatsidee ist. Die Zufriedenheit mit der Praxis der Demokratie sank allerdings von 68 % (2020) auf 45 % (2023). Zwei Drittel der Thüringer befürworteten eine verstärkte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte. 19 % teilen rechtsextreme Einstellungen. 59 % stimmten der Aussage zu, dass die Bundesrepublik durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet ist. Im Umgang mit der AfD warnte Herr Demut davor, die Partei zu verharmlosen oder zu dämonisieren. Er trat ein für eine harte inhaltliche Auseinandersetzung und eine direkte Konfrontation mit Vertretern der AfD in öffentlichen Formaten. Leitplanken für diese Auseinandersetzung sind die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen, positive und negative Religionsfreiheit, Minderheitenschutz, Asylrecht und Gewaltenteilung. An das Referat schloss sich eine intensive Diskussion an, für die leider die Zeit zu knapp war.
Der Abend dieses intensiven Tages klang aus mit einem Vortrag über das Leben und Wirken des Malers Marc Chagall.
Am Freitagvormittag berichtete Johanna Schäfer, Mitarbeiterin der Beratungsstelle ezra in Erfurt über „Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt in Thüringen“. Für 2023 registrierte ezra 147 rechte, rassistische und antisemitische Gewalttaten in Thüringen. Tatmotive waren vor allem Rassismus, Angriffe gegen politische Gegner/innen, Angriffe gegen Journalisten/innen und Antisemitismus. Hotspots rechter Gewalt sind die Landeshauptstadt Erfurt, der Landkreis Sonneberg (wo ein Mitglied der AfD zum Landrat gewählt wurde), Weimar, Jena und Eisenach. Zu den Grundsätzen der Beratungsarbeit von ezra gehören: Parteilichkeit (die Berater/innen nehmen ernst, was die Betroffenen sagen), Unabhängigkeit (von staatlichen Behörden, Justiz und Polizei) und Vertraulichkeit (Informationen werden nicht ohne Einverständnis weitergegeben).
Die Schlussrunde zeigte, dass das Programm des Konventes, trotz oder gerade wegen des ernsten Themas Rechtsextremismus, viel Anklang fand. Manchen waren es zu viele Inputs, andere lobten die hochwertigen Referate und die inhaltlich qualifizierte Linie des Konvents. Ein Höhepunkt waren für viele auch die Begegnungen in Gotha mit Menschen vor Ort. Der nächste Konvent wird wieder in Jerichow stattfinden, und zwar vom 16. bis 18. Oktober 2025.
Hermann de Boer